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Mein erstes Date mit Swami Balendu

Michael Kosak, Swami Balendu and Yashendu

Mein "Erstes Date” mit Swamiji Balendu ............ - Dr. Michael Kosak

Vorwort

Als erstes möchte ich sagen, dass es für mich eine sehr große Ehre ist Swamiji Balendu im Mai 2001 zum erstenmal getroffen zu haben. Darüber hinaus aber ist es für meine ganze Familie eine besondere Freude ihm und seiner Familie in Liebe und Freundschaft verbunden zu sein.

Zweitens sollte ich erwähnen, dass die näheren Umstände, die mit unserem "ersten Date" am Sonntagabend, den 27 Mai 2001 auf dem Flug von Hamburg nach Palma de Mallorca verbunden sind, so außergewöhnlich waren, dass ich mich dazu entschlossen habe, später noch in einem Buch hierüber und über das was sich in den folgenden Jahren ereignete, in denen wir uns regelmäßig begegnet sind weiterführend zu berichten.

Zunächst beschränke ich mich deshalb auf unser "erstes Date".

Um die Zusammenhänge hier ein wenig leichter verständlich zu machen, ist es hilfreich in Betracht zu ziehen, dass unser "erstes Zusammentreffen" eigentlich schon viel früher begann, nämlich am 24. Dezember 2000. Nur wusste ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nichts davon.

Am 24. Dezember 2000 erhielt ich von meinem Freund und Kollegen Bernd Dieterichs, mit dem ich vor etwa 20 Jahren in der Diana- Klinik in Bad Bevensen zusammengearbeitet hatte, unerwartet Post. Genauer gesagt eine Postkarte, mit welcher er mir Frohe Weihnachten und ein wesentliches 2001 wünscht.

Auf dieser Karte abgebildet umarmen sich herzlich zwei indische Gottheiten, die ich zunächst nicht erkannte. Denn obwohl ich schon früher oft durch Indien gereist war, hatte ich mich bisher nicht tiefer gehend mit der indischen Religion auseinander gesetzt.
Diese Postkarte bewahrte ich auf und sah sie gelegentlich an.

Kurz vor Pfingsten 2001 war dann meine Frau Andrea mit einigen Freundinnen nach Mallorca geflogen. Wir hatten abgesprochen, dass ich mit Ravael, dem jüngeren Sohn, eine Woche später nachkommen solle.

Die Vorfreude auf die Reise war dieses mal besonders groß. Ich fühlte mich leicht, fröhlich, erwartungsvoll und besonders offen. Entsprechend kleidete ich mich am Abflugtag, zog eine weiße Jeans an und ein orangenfarbenes Hemd – "Das Leben ist einfach schön!"

Nachdem wir im Flughafengebäude in Hamburg unser Gepäck abgegeben hatten, saßen Ravael und ich gemütlich und entspannt auf einer kleinen Bank in der riesigen Schalterhalle des damaligen Terminal 4 und beobachteten die anderen Menschen beim Einschecken.

Im Trubel der Menschen erblickte ich plötzlich einen in wallende weiße Gewänder umhüllten jüngeren Mann mit schwarzen längeren Haaren und entsprechendem Bart. Ich beobachtete ihn, wie er fast sanft und erhaben zwischen den vielen Menschen durch die Halle wandelte. In mir spürte ich unmittelbar ein Gefühl von Freude und eine innere Ruhe stellte sich dabei ein, wie ich es sonst vom Meditieren kannte. Ich stieß meinen Sohn an den Arm und sagte zu ihm: „ Schau mal Ravael, so geht ein König.“

Nach dem wir ihn aus den Augen verloren hatten, machten wir uns auf den Weg durch die Kontrollen, um zum Abfluggate des Fluges nach Palma zu gelangen. Ich kaufte noch ein Parfüm für Andrea und ein Eau de Toilette für mich, und da ich so gut gelaunt war, auch gleich noch einen Doppelpack „Veuve Clicquot“, vorzüglichen französischen Champagner.

Auf den Bänken, die sich um das Bording-Gate herum befinden, nahmen Ravael und ich dann wieder Platz und warteten auf den Aufruf des Fluges. Und während wir so in den wunderschönen Maiabend hinein träumten und die landenden und startenden Flugzeuge beobachteten, fühlte ich auf einmal wieder diese tiefe Ruhe und Stille in mir wie zuvor. Ich blickte umher, und da sah ich erneut diesen Mann in seinem erhabenen Gang. Faszinierend!

Der fliegt auch nach Mallorca, freute ich mich.

Das er aus Indien kommen müsse war mir da irgendwie klar.


Der Flieger sollte gegen 21:15 abfliegen. Ravael war damals 5 Jahre alt und ich war mir sicher, dass er recht bald nach dem Start einschlafen würde. Also würde sich sicher eine Gelegenheit ergeben, diesen interessanten Mann während des gut zweistündigen Fluges anzusprechen.

Das Flugzeug war nur gut zur Hälfte voller Passagiere, und so hatten Ravael und ich eine ganze Bankreihe für uns selbst. Klasse! Den Inder, den ich ja unbedingt noch kennen lernen wollte, sah ich einige Reihen vor uns im hinteren Teil des Flugzeuges Platz nehmen.

Wenn der nach dem Abendessen noch mal auf die Toilette geht, spreche ich ihn an, nahm ich mir fest vor.

Wie vermutet schlief Ravael nach dem Essen schnell ein, und es dauerte auch nicht lange bis meine zweite Vermutung zutraf. Der Inder verschwand im hinteren Teil des Flugzeuges im Waschraum. Nun musste ich nur noch aufpassen bis er zurückkommen würde.

Als er dann kurze Zeit später an meiner Bankreihe vorbeikam, rief ich ihm zu:

„Hallo Swami!“

- vielleicht einen Tick zu energisch und fordernd, dachte ich bei mir. Aber er hielt an, drehte seinen Kopf in meine Richtung und lachte mich an.

Nachdem er einen Schritt zurück gemacht hatte und mich immer noch anlächelte fragte ich ihn:

“Where you go to?“

„I fly Mallorca“, antwortete er mir.

- was für eine intelligente Frage von mir, dachte ich innerlich. Wohin soll er denn wohl fliegen, wenn wir beide im selben Flugzeug nach Mallorca sitzen.

„What you do Mallorca?“ fragte ich neugierig weiter

„ I do preaching and meditation“ war seine Antwort.

- in meinem Inneren hörte ich plötzlich klar und deutlich eine Melodie aus einem alten Hit der 70-ziger Jahre, den ich als Jugendlicher sehr gerne mochte und „The Preacher Man“ hieß.

„Wonderful“ sagte ich, während ich ihm Platz machte und einen Sitz weiter nach rechts rückte.

„ I also do meditation.“

- insgeheim hoffte ich, mal mit ihm zusammen meditieren zu können. Er nahm neben mir Platz.

„Where you live Mallorca?“, war das nächste, was ich gerne wissen wollte.

„ I don`t know, - I have Telephone-number.“

“Wow!”, kam bewundernd aus mir heraus.

- Da hab’ ich einen richtigen Freak getroffen! Fliegt einfach nach Mallo und weiß nicht einmal wo er schläft. Das ist noch ein richtiges Abenteuer!

Er erzählte mir dann, dass er aus Vindravan komme, nicht weit von Agra entfernt.

- Vindravan?, Vindravan ?, hatte ich noch nie gehört. Bisschen peinlich, dachte ich, warst schon tausendmal in Indien und kennst diesen heiligen Ort nicht mal vom Namen. Aber in der Nähe von Agra, wo das Taj Mahal ist. Das kennt ja jeder. Also hatte ich eine grobe Orientierung, wo er herkam und war wieder mit mir selber versöhnt.

Nun wollte ich aber doch endlich wissen, wie er denn heißt:

„What’s your name“, fragte ich gerade heraus.

„ My name is Goswami Balendu“

- und das sprach er so weich und sanft aus, fast wie eine wunderschöne Melodie. Allerdings verstand ich nur Swami Balendu und glaubte nun einen Sanyassin von Osho neben mir sitzen zu haben. Ich begann mich noch mehr zu freuen, da ich selber ein Sanyassin bin und auf meinen Reisen früher oft im Ashram in Pune war.

Aber es stellte sich schnell heraus, dass ich mich nur verhört hatte. Sein Familienname war Goswami und sein Vorname Balendu. Nun wollte ich aber dennoch wissen, welche Bedeutung der Name Balendu habe und fragte ihn danach:

„What does it mean, Balendu ?“

und er antwortete:

“That means ‘Little Moon’ .“

Ich war verliebt! Es traf mich wie ein Pfeil ins Herz.

Kleiner Mond, kleiner Mond, ich weiß nicht mehr wie oft ich es innerlich wiederholte. Ich weiß nur, dass ich auf der Stelle verliebt war.

Wir unterhielten uns dann noch eine Weile, und er fragte mich, was ich mache und wie ich lebe. Dabei verging die Zeit so schnell, dass ich erst dadurch, dass Ravael wieder aufwachte, bemerkte, dass der Landeanflug nach Palma bereits begonnen hatte.
Bevor wir uns verabschiedeten, gab Swamiji mir noch eine Telefonnummer:

„You can telephone tomorrow“, schmunzelte er mir zu.

Was für ein Start in den Urlaub!

Eine gute halbe Stunde später schob ich mit meinem Gepäckwagen voran und Ravael an der Hand in Richtung Ausgang des Flughafens Palma de Mallorca. Den Swamiji hatte ich nicht mehr gesehen. Vielleicht reist er nur mit Handgepäck, dachte ich und freute mich jetzt auf das Wiedersehen mit meiner Frau Andrea, die sicher schon aufgeregt hinter der Absperrung beim Ausgang auf uns wartete.

Von weitem konnte ich sie schon erkennen und lachte ihr entgegen. Ravael ließ meine Hand los, rannte auf seine Mutter zu und sprang ihr in die Arme. Diese intensive Begrüßungsfreude an Flughäfen ist etwas Wunderschönes!

Zu dritt marschierten wir fröhlich hinaus in die warme Nacht, die Palmenallee entlang, die das Hauptgebäude des Flughafens mit dem Parkhaus verbindet. Gerade wollte ich Andrea von meiner ersten Begegnung mit Balendu im Flugzeug erzählen, als sie zu mir sagte, dass sie am Ausgang vorhin, als sie noch auf uns wartete, einen Inder in hellen Gewändern gesehen habe und bei sich dachte ‚Den kennt Michael bestimmt schon aus dem Flugzeug’.

Das nennt man weibliche Intuition!

Am Montag überlegte ich den ganzen Tag über, wo Balendu auf der Insel wohl untergekommen sein könne? Irgendwo mitten im Landesinneren, oder vielleicht an der Küste zwischen Deia und Soller? Bestimmt in einer abgelegenen Finca, still, romantisch, idyllisch, stellte ich mir vor.
Im Flugzeug hatte ich ihn schon danach gefragt, aber er hatte wirklich keine Ahnung, wo er landen würde.

„ I have invitation“, stellte er nur fest, und das schien ihm an Informationen über seine Gastgeber und deren Aufenthaltsort auf Mallorca zu genügen.

Ich war bester Laune und wollte ihn auf jeden Fall am späten Montagnachmittag anrufen.
Wir selber hatten eine kleine Wohnung in Sometimes an der Plaja de Palma gemietet, wo wir schon mehrmals gewohnt hatten. Nicht weit zum Strand und nah bei Palma, sodass wir schnell mal in die Stadt fahren konnten.

Schon am frühen Nachmittag griff ich dann endlich zum Handy und wählte die Telefonnummer, die ich mir auf einem kleinen Zettel aufgeschrieben hatte. Eine andere Männerstimme als erwartet meldete sich zunächst, und ich erkannte an der Aussprache, dass es sich um einen Inder handeln könne. Ich fragte ihn nach Swamiji Balendu.

„Moment, please“, kam von der anderen Seite.

Es dauerte nicht lange, dann hörte ich durch das Handy dieses süße lang gezogene: „Yes, Helloooouuuu“.

„Where you are now?“, fragte ich Balendu.

Er legte den Telefonhörer bei Seite. Ich konnte durch die Muschel hören, wie er auf Hindi etwas durch den Raum rief.
Vermutlich fragt er jetzt zum erstenmal selber danach, wo auf der Insel er eigentlich ist, dachte ich mir schmunzelnd. Dann hörte ich ihn zu mir sagen:

„ I live Schinkenstraße“

„Where you live?“ fragte ich ihn erneut, voller Erstaunen.

Hatte ich das richtig verstanden? Ich fing innerlich an laut über mich zu lachen. Ein Guru in der Schinkenstraße! Direkt mitten drin beim Ballermann auf Mallorca.

Balendu wiederholte:

„Schinkenstraße“

Ich hatte mich nicht verhört. Er war tatsächlich in der Schinkenstraße beim Ballermann gelandet. Der Krach der vielen Menschen und die laute Musik , die dort die ganze Nacht lang überall herrschen klang in der Vorstellung schon in meinen Ohren. Ein fantastischer Gegensatz zu der tiefen Stille, die Balendu sonst umgibt, fiel mir dazu spontan ein.

„ You can come here 6 o’clock“ , lud Balendu mich ein.

“ I give Darshan” , verstand ich dann noch und antwortete ihm:

„ I will come“.

Kaum war das Gespräch beendet fing ich auch schon an zu tanzen, und eine ungeheuere, lebendige Freude erfasste mich und belebte meinen Körper. Ich rief Andrea zu und fragte sie, ob sie mit Ravael mitkommen wolle, aber sie meinte, dass ich erstmal alleine gehen solle und dann ja berichten könne.

Von unserer Wohngegend bis zur Schinkenstraße waren es zu Fuß vielleicht 10 Minuten zu gehen. Ich dachte, seltsam, dass wir auf dieser großen Insel so nahe bei einander gelandet sind.

Gegen halb sechs machte ich mich auf den Weg und marschierte los. Nein, viel mehr muss man sagen, tanzte und hüpfte ich durch die engen Straßen von Sometimes mit den alten wunderschönen Fincas und den gepflegten Vorgärten. Die warme Sonne auf meinem Rücken, das Spiel von Licht und Schatten zwischen den hohen Palmen. Kurz – ich genoß mein Leben in vollen Zügen! Ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit begleitete mich.

Bevor ich das neu gebaute vierstöckige Wohnhaus am Ende der Schinkenstraße betrat, in dem Balendu vorübergehend wohnte, atmete ich erst noch einige Male tief und entspannt durch, um mich innerlich zu sammeln. Von den oberen Balkonen aus kann man bestimmt das Meer sehen, schwärmte ich. Mein Blick schweifte die Straße hinunter. Die Schinkenstraße verläuft schnurgerade, leicht abwärts direkt zum Meer und ist in ihrem oberen Teil von alten hohen Platanen eingesäumt. Gar nicht so laut hier wie ich mir vorgestellt hatte, bemerkte ich jetzt, eigentümlich still sogar.
Am anderen Ende der Straße sah ich auf ein wunderschönes altes steinernes Tor durch das einige Autos kamen, die von hier oben in die Straße einbogen.

Dann klingelte ich unten an der Eingangstür des Hauses. Sie stand offen.
„ 4th Floor“, erinnerte ich mich, hatte Balendu nachmittags am Telefon gesagt.
Ohne abzuwarten ging ich die Treppen hinauf. Auch die Eingangstür zur Wohnung war bereits geöffnet, und ich wurde von zwei freundlichen indischen Augenpaaren begrüßt und hereingebeten.

„My name is Dr. Michael Kosak“, stellte ich mich kurz vor, „ I come to visit Swamiji Balendu“.

Die beiden indischen Frauen führten mich durch den Flur zum Wohnzimmer, welches bis auf eine breite Couch rechts neben dem Kamin vollständig ausgeräumt war. Vor der Couch stand nur noch ein kleiner Beistelltisch. Ich schaute durch die Fensterfront hinaus über die Dächer der anderen Häuser hinweg, und man konnte von hier oben tatsächlich das Mittelmeer sehen. Hatte ich mir doch gedacht.

Die jüngere Frau wies mich an, auf dem Fußboden Platz zu nehmen und einen Augenblick zu warten. Dann fragte sie mich, ob ich etwas trinken möchte und bot mir eine Auswahl von verschieden Früchten an. Ich nahm ein paar Erdnüsse, bedankte mich, und setzte mich dann im Schneidersitz auf den Boden.

Es klingelte wieder an der Haustür und kurze Zeit später betraten zwei andere indische Frauen, im hübschen Sari gekleidet, das Wohnzimmer. Sie grüßten mich mit freundlichen Gesten und setzten sich dann ebenfalls zu mir auf den Fußboden. Um es kurz zu machen. In den nächsten 5 Minuten klingelte es immer wieder und danach war das Wohnzimmer gefüllt mit vielleicht zehn bis fünfzehn Inderinnen, und wir saßen allesamt im Halbkreis um die Couch mit dem kleinen Beistelltischlein. Ich wunderte mich darüber, dass gar kein Mann gekommen war und genoss die Atmosphäre mit soviel weiblicher Präsenz und dem Klang der indischen Frauenstimmen, die durch den Raum in meine Ohren drangen.

Dann trat Balendu ins Zimmer. Still, konzentriert, lächelnd. Unsere Blicke trafen sich nur kurz. Ohne etwas zu sagen, nahm er auf der Couch Platz. Er schloss seine Augen, faltete seine Hände vor dem Gesicht. Seine Lippen bewegten sich als flüstere er etwas und ich vermutete, dass er die Anwesenden segnen würde. Die Frauen hatten mittlerweile aufgehört mit einander zu sprechen und eine lebendige Stille breitete sich im Zimmer aus.

Balendu begann etwas auf Hindi zu singen, bewegte dabei sanft seinen Oberkörper und nach und nach stimmten auch die Frauen mit ein. Durch die offene Balkontür drangen Straßengeräusche herauf und in der Ferne hörte ich Disco-Musik vom Strand. Aber nichts davon störte mich. Auch die Inderinnen schienen unberührt davon. Der Gesang wurde allmählich leiser und hörte dann sanft auf. Balendu begann zu sprechen.

Natürlich verstand ich kein Wort, da ich kein Hindi kann. Ich bemerkte aber sofort an dem Feuer in Balendus Augen eine Kraft, eine Energie, eine unglaubliche Präsenz und erhöhte Wachsamkeit, wie ich sie bisher nur in der Gegenwart von Osho in Pune erlebt hatte.

Der Darshan dauerte vielleicht eine Stunde. Ich weiß es nicht mehr so genau. Ich hatte längst schon kein Interesse mehr an der Zeit. Ich war selber wieder in diesen unbeschreiblich schönen Zustand entspannter Aufmerksamkeit und fließender Zeitlosigkeit gelangt. Ich war glücklich.

Am Ende des Darshans überreichten die Frauen Balendu kleine mitgebrachte Geschenke oder etwas Obst, und Balendu segnete jede von ihnen, bevor sie den Raum wieder verließen.

Einen Augenblick lang blieb ich noch still mit geschlossenen Augen sitzen und ließ die innere Erfahrung in mir nachklingen. Dann erhob ich mich langsam und setzte mich neben Balendu auf die Couch. Er hatte nichts dagegen. Wir sahen uns einfach nur tief in die Augen.

Mein Blick ging dann zurück in den Raum und traf auf ein Bild, dass jetzt plötzlich vor mir auf dem kleinen Beistelltisch stand, eingerahmt in einen silbrigen Rahmen. Ich erschrak innerlich etwas ohne zu wissen warum, war aber sofort tief davon berührt was ich dort erblickte.
Es war das Bild eines Kindes, fast noch eines Babys, so schien es mir - und so unbeschreiblich schön, dass ich es gar nicht in Worte fassen konnte. Erinnerte es mich an etwas? Ich hatte keine Idee. Ich fragte Balendu:

„Who is that?“

„This is my master“, war seine Antwort.

Außer einem “Wow” war ich nicht mehr im Stande etwas herauszubringen.
Wir verabschiedeten uns.
„You can come back“ gab er mir mit.
Ich dankte ihm für alles und verließ mit der Bemerkung „I have your telephonnumber“ verzaubert den Raum.

Auf dem Rückweg in unsere Ferienwohnung schlenderte ich am Strand entlang. Die lang gezogene Bucht von Palma eröffnet einen imposanten Blick auf das Tramuntanagebirge im Osten. Wenn die Sonne sich am Abend hier an den Bergkuppen bricht erzeugen die Sonnenstrahlen einen kräftigen orangenen Farbton, der die Schönheit des Augenblicks verstärkt und sich in den Gesichtern der Menschen am Strand spiegelt.
In unserem Urlaubszuhause erzählte ich beim Abendessen dann Andrea und Ravael was ich erlebt hatte.

Am nächsten Tag riefen wir unsere langjährigen Freunde Rainer und Regina Franke an. Die beiden leben schon seit Mitte der 90-ziger Jahre mit ihrer ganzen Familie in Llucmajor, rund 25 Kilomoter östlich von Palma. Jedes mal, wenn wir nach Mallorca fliegen feiern wir zusammen. Einen Anlaß dafür haben wir bis jetzt immer gefunden.
Nach dem ich ihnen von meinem ersten Treffen mit Balendu berichtet hatte, waren sie sofort daran interessiert ihn auch kennenzulernen.

Dienstagnachmittag telefonierte ich wieder mit Swamiji.

„You can all come together“ lachte er , „come Wednesday morning 11 o’clock“

“Thank you, we will all come” rief ich ihm zurück und freute mich auf den nächsten Tag.

Am Mittwochmorgen standen wir alle pünktlich um 11 Uhr vor dem Haus in der Schinkenstraße, die von vielen, wie ich jetzt besser wusste, zu unrecht verurteilt wird.

Rainer und Regina hatten noch ihre beiden Kinder Ramon und Samira mitgebracht. Andrea und Ravael waren selbstverständlich auch mitgekommen. Die Sonne schien.
Ein strahlend blauer Himmel verwöhnte uns wieder, und es lag eine angenehme Frische in der Luft, nach der die Mallorquiner sich in den heißen Sommermonaten Juli und August oft zurücksehnen.

Nach der freundlichen Begrüßung durch die Gastgeber saßen wir „ 7 Pilger“ in dem immer noch bis auf die Couch leer geräumten Wohnzimmer, als Balendu liebevoll lächelnd eintrat und uns der Reihe nach begrüßte.

Er nahm wieder Platz auf der Couch, und nach der üblichen Vorstellung entwickelte sich ein langes Gespräch, bei dem jeder über das sprechen konnte, was er gerade auf dem Herzen hatte.

Nach einiger Zeit fragte Balendu uns, ob er uns noch einen Video-Film über sich zeigen dürfe, den er aus Indien mitgebracht habe. Natürlich wollten wir den sehen!

Im ersten Teil berichtet der Film über die letzten Tage im September 1997 in Vindravan, bevor Balendu sich am 10. September 1997 kahl geschoren in eine Art Höhle in seinem Ashram einmauern ließ, um dort für mehr als drei Jahre zu meditieren. Damals war er noch nicht einmal 26 Jahre alt, rechnete ich aus. Was bringt einen jungen Mann dazu sich für Jahre von der Welt zurückzuziehen?

Der zweite Teil des Films zeigt das Datum 24. Dezember 2000. Heilig Abend in Deutschland, war mein erster Gedanke. Im Film wird gezeigt, wie 3 Jahre und 4 Monate später eine Wandmauer ein Loch geschlagen wird, durch welches Balendu wieder ins normale Leben auf die Erde zurückkehrt.

Wie er das überleben konnte?

Wir sind alle tief bewegt und berührt von diesen Bildern, die einen Berg von Fragen aufwerfen, die sich wohl erst in Monaten, vielleicht auch in ihrer ganzen Tiefe und Bedeutung erst nach Jahren in uns auflösen werden.

Dann teilt Balendu uns mit, dass er am nächsten Tag, also Donnerstag, schon nach London abreisen muss. Wir verabreden uns deshalb zum Abschiednehmen mit ihm am Flughafen von Palma.

Sebstverständlich sind am nächsten Tag alle „7 Pilger“ wieder pünktlich zur Stelle.

Wie schon auf dem Flughafen in Hamburg fühle ich in seiner Gegenwart, in der Abflughalle in Palma, eine tiefe Ruhe und Stille, die mich wach macht und den gegenwärtigen Augenblick wesentlich lebendiger durchdringen und auskosten lässt als mein übliches Tagesbewusstsein es sonst zulässt.

„You can all come visit me India“, verabschiedet sich Balendu mit einem lachenden Gesicht, das einem ungewollt Freudentränen in die Augen treten lässt.

„And you can come visit us Germany”, rufe ich ihm hinter her, als er sich noch einmal kurz umdreht.

Die nächsten Tage vergehen leicht und beschwingt. Wie immer feiern wir ein Fest mit unseren Freunden Franke’s. Und na klar! wird auch noch der mitgebrachte „Veuve Clicquot“, eisgekühlt aufgemacht und serviert.

Dann geht es wieder zurück nach Deutschland.

Einige Tage nachdem wir wieder Zuhause in Lüneburg angekommen waren, fiel mir die Weihnachtskarte, die am 24. Dezember 2000 in unserem Briefkasten gelegen war, erneut in die Hände. Ich schaute sie mir noch einmal genau an. Das Gesicht von einer der beiden indischen Gottheiten sieht so ähnlich aus wie das Gesicht auf dem Bild, das vor Balendu auf dem Beistelltisch stand, sage ich vor mich hin. Nur die Figur war deutlich älter.
Ich drehte die Karte um. Auf der anderen Seite stand etwas von Shri Ram.

Hatte Balendu nicht so einen ähnlich klingenden Namen gesagt, als ich ihn nach dem Bild auf dem Beistelltischfragte?

Und wann war er noch mal aus seiner Höhle zurückgekehrt?

Das war doch auch am 24. Dezember 2000 !!!

Ich merkte, wie ein Adrenlin-Auswurf meinen Puls beschläunigte. Ein seltsames Gefühl stieg in mir auf. Eine Vermutung, ein Verdacht, eine Vorahnung. Ein Staunen über mögliche Zusammenhänge, die der Alltagsverstand energisch abwehrt und zurückweist.

Konnte das, was mir blitzartig in den Sinn kam möglich sein?

Einige Monate später klingelte bei uns Zuhause das Telefon. Es war bereits Anfang November 2001.

„ I can come Lüneburg?“, hörte ich eine unverwechselbare Stimme am anderen Ende der Leitung fragen. Es war natürlich Balendu.

„Of course!“ antwortete ich und freute mich auf „mein zweites Date mit Balendu“.

 

 

 

Chakra Musik