Sprachen:
English
French
Hindi
Spenish
Italian
Russian
Newsletter Anmeldung
 

Sabine Schmid, Deutschland

Listed in:

Sabine and Ramona

War vom 18. bis zum 31. März 2011 im Ashram zu Besuch

Reisen ist ein gefährliches Geschäft. Ab dem Moment, wenn du deinen Fuß auf die Straße setzt kann alles passieren und wenn du zurückkehrst, wirst du dich verändert haben. Die Art, wie du das Leben, welches du lebst wahrnimmst, deine Gewohnheiten, deine Sorgen und Freuden werden sich verändern.

Das trifft tatsächlich auf jede Art des Reisens zu irgendeinem beliebigen Ziel zu, egal ob du den Zug zur nächsten Stadt nimmst oder das Flugzeug bis zu einem anderen Kontinent, so lang du vor dem Hinausgehen eine Entscheidung triffst: Die Entscheidung all die neuen Orte, die dich erwarten mit einem offenen Geist und einem offenen Herzen zu erreichen.

Es gibt auf jeden Fall einige Orte, die deinen Blick auf die Welt verändern und das tiefgründiger als du es dir je hättest vorstellen können. Indien ist ein solcher Ort und jeder, der etwas anderes behauptet, war noch nicht dort.

Als ich ins Flugzeug stieg, welches mich am 12. März nach Delhi bringen sollte, hatte ich mich entschieden, mich nicht auf den so fürchterlichen Kulturschock vorzubereiten, vor welchem die Leute einen immer warnen, wenn man ihnen erzählt, dass man nach Indien geht. Ich war mir ziemlich sicher, dass es einfach nicht möglich war vorbereitet zu sein und ich lag damit gleichzeitig richtig und falsch.

Ja, Indien ist total anders als alles, was ich in Europa gesehen und erlebt habe. Aber nein, es war nicht einmal annähernd so furchteinflößend und gruselig wie die Leute es vorhergesagt hatten. Mein erster Eindruck war folgender: Indien erinnerte mich ein bisschen an Mexiko. Versteht mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass Indien wie Mexiko ist, das wäre eine spießige und oberflächliche Annahme. Aber das Leben auf den Straße, all die winzigen Stände mit Leuten, die Früchte verkaufen, Zuckerrohr, Chai, alle möglichen Dinge, das gut funktionierende Verkehrschaos, ganze Familien auf Motorrädern zu sehen, all das erinnerte mich an das, was ich in Mexiko gesehen hatte und so fühlte ich mich zu Hause, so wie ich mich dort zu Hause gefühlt hatte...ein Fremder, akzeptiert an einem fremden Ort, voller Herzlichkeit und Kuriosität und das so ausgiebig von Leuten, die einen nicht kennen. Du kommst nicht drumrum, überrascht und erstaunt zu sein und besonders, wenn du aus Deutschland kommst, wo du locker in einer vollen Shopping Mall bis zum Tode verbluten könntest, ohne dass es überhaupt jemand bemerkt.

Nach ein paar Tagen im überfüllten, großen, dröhnenden Delhi zog ich weiter nach Vrindavan, eine ganz eigene Welt für sich. Ab dem Moment, als ich im Shree Bindu Sewa Sansthan Ashram ankam, fühlte ich mich behaglich und zu Hause und ich bemerkte eine Ladung strahlend pinkes Pulver, welches nun mein Haar bedeckte. Happy Holi! Ich war tatsächlich am ersten offiziellen Tag des Holi Festes angekommen. Hunderte von Menschen liefen entlang des Parikrama Marg, sie feierten und warfen mit buntem Pulver um sich, ein fantastischer Anblick der dich wirklich verändert, hauptsächlich, wie bereits erwähnt, weil es permanent neue Farbtöne auf dein Shirt und auf dein Haar hinzufügt. Es endete alles mit einer Farbexplosion am 20. März, meine Zehennägel sind noch immer pink wie der Schwanz von Miss Piggy und wenn ich an all die lachenden und kreischenden Menschen denke, die von Pandora durch den Garten des Ashrams rannten, zaubert mir dies noch immer ein großes Lächeln ins Gesicht.

Für den Rest meiner Zeit in Indien blieb ich in Vrindavan und diese zwei Wochen waren einfach die aufregendsten und gleichzeitig die entspannendsten Wochen meines Lebens. Der Ashram mit all seinen Bewohnern war eine Zuflucht des Friedens und der Ruhe. Im wörtlichen Sinne war es auch Familie, da ich von Swami Ji Balendu, meiner Cousine Ramona - seiner Frau- und dem Rest der Familie eingeladen wurde. Nicht nur im wörtlichen, sondern auch in einem für mich völlig neuen Sinne war es Familie, denn es leben so viele Leute im Ashram, welche buchstäblich nicht zur Familie gehören, aber definitiv in jedem anderen Sinne als Familie betrachtet werden können. Jeder einzelne, der dort lebt, trägt auf seine eigene Art und Weise zum gemeinsamen Ziel, einem der Liebe gewidmeten Leben, bei, welches Liebe, Respekt und Mitgefühl erfordert und allein das ist an sich beachtenswert und wundervoll.

Das tägliche Leben im Ashram folgt einem schönen Rhythmus. Der Tag beginnt mit einer Tasse Chai, die dich durch und durch wärmt, gefolgt von den täglichen Yogaübungen im Garten, an welchen jeder den 150 Kindern der Schule folgen kann, wenn diese ihr halbstündiges Training absolvieren. Dann geht der Tag auf seine friedvolle Art weiter, gekennzeichnet durch Mittag- und Abendessen, Spaziergängen im Garten, mit jedem, der sich dazugesellen mag. Nette, interessante, inspirierende und manchmal sogar hitzige Diskussion entstehen ganz von selbst und immer ist jemand am Kommen und Gehen. Der Tag vergeht auf nette und einfache Art und Weise und es scheint nicht viel zu passieren, aber wenn man es überdenkt, sind die Stunden voller Lachen und Spaß oder voller Ruhe und Reflektion, wenn du dich beispielsweise entscheidest, dich für Meditation in die Höhle zurückzuziehen oder eine ayurvedische Massage in Anspruch nimmst.

Wie bereits erwähnt, hatte ich die Möglichkeit an den Yogaübungen der Kinder teilzunehmen und mit meinen eigenen Augen zu sehen, was Swami ji und seine Familie, Freunde und Unterstützer für sie tun, denn Bildung ist ein Weg diesen Kindern ihre eigenen und die Leben ihrer Familien zu verbessern. Keiner wird ihnen das, was sie dort erhalten, je nehmen können, den Sinn für Würde, durch die Kenntnis der eigenen Stärke, Fähigkeiten und Talente. Es gibt so viele Menschen in Indien, die solche Gelegenheiten benötigen. Als ich erwähnte, wie sich die eigene Weltsicht während einer Reise verändert, hatte ich besonders eine Sache im Kopf: Die Tatsache, dass du lernst was Armut bedeutet, wenn du nach Indien reist. Ich habe mich selbst zwar nie als arm betrachtet, aber als eine Person, die nicht viel Geld hat. Im deutschen Kontext bin ich wirklich recht arm, als eine einfache Buchverkäuferin, in München, der teuersten Stadt Deutschlands, lebend, befinde ich mich unter dem durchschnittlichen Monatseinkommen. Trotzdem bin ich unendlich reich. Ich musste nicht für meine Bildung zahlen, sogar zur Universität bin ich gegangen, ich lebe in meiner eigenen netten kleinen Wohnung, die Miete bringt mich auch nicht um. Ich bin reich. Wir sind alle reich. Und das bedeutet Folgendes: Verantwortung für jene, die nicht wie wir gesegnet sind. Von jetzt an werde ich dies nie vergessen.

Okay, wenn ihr mich nun nach einer Zusammenfassung der "Indien-Erfahrung" fragt, würde ich Folgendes sagen: Indien ist lebendig, 100%, 24/7. Es gibt immer Geräusche: Musik, Singen über Lautsprecher der vielen Tempel von Vrindavan, Lärm, Gelächter, Geschrei, das Geräusch der Hupen von all den Autos, Autorikshas, Motorrädern, das Gekreische der Händler, die versuchen ihre Waren zu verkaufen. Die Luft ist immer und zu jeder Zeit von den verschiedensten Gerüchen gekennzeichnet, wundervolle und bezaubernde, aber auch ekelhafte. Indien ist so extrem bunt, dass die Augen manchmal irritiert sind und sogar zu schmerzen beginnen. Überall sind Affen und Kühe, jedenfalls in Vrindavan, früher die ständig Unheil anrichtenden, später die stoischen, friedlich und entspannt, sogar mitten im schlimmsten Verkehr.

Wenn ich an meine Zeit in Indien denke, erscheinen vor meinem inneren Auge Bilder: Der bärtige alte Sadhu auf einer großen Hero Honda, wie er durch den Mittagsverkehr des Loi Bazars mit einem würdevollen Ausdruck in seinem Gesicht vorbeizog.
Die Kinder gegenüber der K.G. Gupta Apotheke, die uns zu überzeugen versuchten, dass ihr kleiner Führer ein Magier ist - ich nehme an, einer der dein Geld aus der Tasche verschwinden lassen kann. Der Moment während des Holi Festes, als jeder so voll mit Farbe war, dass man die Leute kaum auseinanderhalten konnte. Die untergehende Sonne, welche sich im Yamuna Fluss spiegelte, während Blumen und Kerzen zwischen den farbenfrohen Booten am Kheshi Gat trieben. Vierzig oder fünfzig Schulmädchen, die unsere Hände am Taj Mahal schüttelten, als wären wir Monarchen, die einen offiziellen Besuch abstatteten. Die Kuh, die sich an meinem letzten Tag, bevor ich zum Flughafen flog, sanft an meinem Rücken rieb.

Ich könnte mit Beispielen ewig fortfahren. Aber ich werd's nicht. Ich muss los und anfangen zu lernen, denn ich würde wirklich liebend gerne, wenn ich nach Indien zurückkehre, eine ordentliche Diskussion über den Rikshapreis vom Ashram bis zum Loi Bazar in Hindi führen.

retweet