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Anja Rohlf, Deutschland

Vor der Abreise

...mein erster Eintrag war auf Englisch, nun soll der erste Deutsche folgen... und auch den möchte ich mit einem Dank aus tiefem Herzen an Ramona beginnen, die mir in der Vorbereitungszeit immer umgehend mit Antworten auf meine Mails zur Seite stand!!! Ganz wunderbar. Unbeabsichtigt hatte ich noch zwei schöne Begleitungen in meiner Vorbereitungszeit, so finde ich: ich hatte mir den Film "Best Exotic Marigold Hotel" ausgeliehen, den ich nur wärmstens empfehlen kann und dann war ich in dem Kinofilm "Pi - Schiffbruch mit Tiger", der auf eine ganz andere Weise ebenso kraftvoll ist. Das Buch hatte ich schon vor langem gelesen und es war damals schon "tief in mich eingedrungen". Nun ist mir sehr bewusst, dass die ganz eigene echt Reise nach Indien einen noch viel tieferen Einduck bei mir hinterlassen wird und ich bin schon sooo gespannt, mir bewusst, dass ich verändert wiederkommen werde...

Reisefieber?

Der Rucksack ist gepackt – es ist derselbe, der mich bereits 1999/2000 auf meiner Weltreise begleitet hat und der immer noch voll intakt ist. In Vrindavan, eine Stadt mit ca. 60.000 Einwohnern am Flusslauf der Yamuna erwarten mich Temperaturen von 20 bis 25°C – so muss ich nicht so schwere Kleidung mitnehmen. Die Frage, die ich in den letzten Tagen am häufigsten hörte, war: bist Du schon aufgeregt? Was ist das genau: aufgeregt sein. Es ist ein Gefühl, das entsteht, wenn man an etwas in der Zukunft denkt, über das man keine Kontrolle hat und es Sorge erzeugt, wenn man daran denkt mit der Eventualität, dass etwas dabei „schiefgehen“ kann. In erster Linie handelt es sich aber um ein Gefühl, das entsteht, wenn man bestimmte Gedanken hat. Denkt man nicht daran, entsteht auch dieses Gefühl nicht. Meine Antwort auf diese Frage, stellte man sie mir genau im jetzigen Moment, wäre: Ich sitze jetzt hier auf dem Sofa im Wohnzimmer an meinem Laptop und tippe diese Zeilen – warum sollte ich da aufgeregt sein. Ich habe es inzwischen ganz tief verinnerlicht: Bin ich mit meiner GANZEN Aufmerksamkeit und Konzentration (Zentriertheit) in mir im Jetzt, in diesem Augenblick, kann ich die Kraft der Präsenz am besten nutzen. Bin ich in Gedanken in Vergangenheit oder Zukunft bei Situationen, die mir Sorgen bereiten, dann habe ich keinen direkten Zugriff auf eben diese Kraft. Und ich möchte in jedem Fall genau diese Kraft nutzen können, damit – eben wenn mal etwas schiefgeht – ich auf sie zurückgreifen kann und ohne lähmende Angst dieser Situation wach, ruhig, gelassen und neutral begegnen kann. Dies ist so logisch für mich, dass ich mich nicht mehr davon abbringen lasse, mich weiterhin kraftvoll darin zu üben, ganz und gar präsent zu sein. – Gerne bin ich Botschafter des JETZT!

Erster Gruss aus Vrindavan

Gut bin ich gelandet, sicher bin ich von einem hervorrgenden Fahrer vom Flughafen in ueber 3 Stunden zum Ashram gebracht worden und wunderbar bin ich inzwischen schon zwei mal mit heissem Oel von weichen Haenden ayurvedisch massier worden. An habe ich immer noch die selben Kleider wie bei der Ankunft, denn mein Gepaeck war nicht so schnell wie ich. Der Flieger von Stuttgart nach Istanbul war so verspaetet, dass ich meinen Anschluss schon ohne mich wegfliegen sah. Mit einem kraeftigen Sprint quer durch den Istanbuler Flughafen habe ich es aber gerade noch geschafft. Die im vorherigen Blog erwaehnte Gelassenheit hat mir sehr geholfen. Drueckt mir die Daumen, dass ich in den naechsten Stund en an meine Habseligkeiten komme. Dass sie schon im Lande sind, weiss ich, das beruhigt. Das Willkommen war so herzlich, die ganze Familie hier ist so offenherzig, dass man sich einfach sofort dazugehoerig fuehlt. So viel Liebenswuerdigkeit ist ganz besonders. Die Kinder - in 5 Klassen an der Schule hier machen morgens selbst angeleitetes Yoga - es macht Spass und steckt an - gewiss werde ich teilnehmen, sobald meine entsprechenden Klamotten auch hier sind. Darueberhinaus ist es zwar in der Stadt sehr, sehr laut, aber hier kommt auf Grund der besonderen Atmosphaere gleich eine innere Ruhe auf. Gleich gibt es Abendessen - egal, zu welcher Tageszeit, auch die Mahlzeiten sind wuderbar - sehr schmackhaft - genau, wie auch der echt indische Chai! Herzlichst, Namaste an alle Leser! Anja

Technik

 

Da die Technik etwas anders wollte, als wir hier, kommt jetzt erst der neue Blog.

Letzten Freitag, als ich das letzte mal am PC in der Schule sass, schrieb ich dies:

heute war wie zweimal Weihnachten fuer mich - einmal am Morgen als mein rucksack ankam und dann am Nachmittag, als Ramona mich in die stadt begleitet hat, nachdem ich gestern (Donnerstag) allein dort doch etwas ueberfordert war. Der Verkehr, der Staub, der Laerm, die vollkommen andere Sozialisierung im oeffentlichen Leben hat mich erst sehr angespannt durch die Strassen laufen lassen. Als sich etwas Gewoehnung einstellte, war ich in der Lage, tiefer zu blicken, durch diese so ganz andere Art der Kultuviertheit hindurch spuerte ich, dass wir alle tief innen sehr aehnlich sind.

Als mich nun eben Ramona nach down town begleitet hat, ging es mit einer Riksha in die historische Altstadt in eine Gegend, die als Basar bezeichnet wird, wo ich ein paar aussergewoehnliche Laeden erfahren durfte.

Uebrigens laufen hier auf den Strassen nicht nur Kuehe so in der Gegend herum, sondern auch Hunde, Affen, Streifenhoernchen, Ziegen und Wildschweine (und bei meinem Ausflug an den Fluss Yamona gestern - am Montag - habe ich einen Schaefer mit seiner Herde aus Schafen und Ziegen gesehen). Und beim Ahsram, wo es einen schoenen Garten gibt, fliegen einige exotische voegel herum. Bei den taelichen massagen habe ich inzwischen einen wunderbaren Stirnguss bekommen, ein fuer mich wirklich aussergewoehnliche Erfahrung - ich war wie in eine andere welt befoerdert.

Morgens nehme ich, wenn es der hausinterne Plan von Masssagen und Yoga zu laesst auch an den Yogauebungen der Schulkinder teil, die sie selbst anleiten - mit Megaphon. Sie machen das schon ganz prima!

 

Ansonsten verbringe ich die Zeit mit viel Ruhe und Meditation.

Das gleicht aus, denn hier finden in diese Jahreszeit unzaehlige Hochzeiten statt, die rund um die Uhr mit Feuerwerken gefeiert werden. Und ebenso Tag und Nacht hoert man ueber Megaphone Zelebrationen fuer Krishna in den unzaehligen Tempeln der Stadt. Ich wusste nicht, dass Vrindava DIE Stadt Krishnas ist.

Vom Dach des Hauses habe ich einen wunderbaren Sonnenuntergang beobachtet, auch wenn hier so aequatornah die Sonne recht schnell untergeht.

Ansonsten ist mir klar geworden, dass meine Worte hier nur krueckenhaft beschreiben koennen, was ich hier erfahre. Am besten, der Leser kommt einmal selbst hierher, denn JEDER Mensch hat doch seine eigene "Brille" und wird alles selbst ganz ander erfahren, als ich! Und jeder Aufenthalt hier unterstuetzt auch die Kinder in der Schule - allein wenn man mal ein schoenes Essen in einem guten deutschen Restaurant ausfallen liesse und das Geld an das Jaisyaram Ashram gibt, ist damit einem Kind fuer ein viertel Jahr geholfen!

Was fuer ein wunderbares grossartiges Projekt!

15. Februar

Die ersten zwei Tag war es kuehl und regnerisch, dafauf folgte nun eine Woche voller Waerme und Sonne und heute ist es mal wieder bewoelkt. Hier ist ein Feiertag und alles ist etwas ruhiger.

Gestern habe ich den Weg zwischen den beiden Gartenflaechen gefegt - es war sehr meditativ. Waehrend dessen kam mir fer Verleich zu Beppo Strassenfeger aus Momo, der ihr erzaehlt, wenn er die langen Strassen anschaut, wird er immer mutlos, wenn er aber immer nur den naechsten Schritt, den naechsten Besenstrich beachtet, dann liegt ploetzlich die ganze Strasse hinter ihm. Und auch erinnerte ich mich an meine Zenmeditationstage ueber Weihnachten und Neujahr in Holzkirchen, wo der Meister zur Einfuehrung in die Sitz- und Geh-Meditation immer sagte: beim gehen gibt es immr nur diesen einen Schritt. Da ist niemand, der ghet, da ist nur dieser Schritt. Und auch musste ich an ein Telefonat mit einer lieben Freundin kurz vor meiner Abreise nach Indien denken, die frischggebackene Mutter ist und mir erzaehlte, wie sie so gern ihren kleinen Sohn beobachtet, der, wenn er sich freut, ganz Freude ist, wenn er isst, ganz ver Vorgang des Essens ist - wie er immer ganz in das eintaucht, das er gerade erlebt. Wie schoen, dass wir als Erwachsene diesen Zustand wieder erreichen koennen, wenn wir uns bewusst machen, wie wohltuend er ist und wir gut er durch Hingabe erreichbar ist.

Hingabe an das was ist erleichtert jede Sekunde. Schmerz, Leid, Ungemuetlichkeit erzeugt nur Widerstand gegen das was ist - das ganz tief im Herzen zu begreifen ist gerade hier im Ashram sehr gut moeglich.

In diesem Sinne ein herzliches Namaste aus dem jaisiyaram Ashram!

Nun hatte ich eben wieder die wunderbare ayurvedische Massage und habe auch da gespuert, was hier generell langsam mit einem passiert. Durch die Massagen und das besondere Essen wird man viel sensibler fuer seinen Koerper und spuert Kleinigkeiten, die man eventuell zuvor noch nie wahrgenommen hat. Sobald sie spuerbar werden, werden sie jedoch auch rasch eben durch diese Behandlung in Balance gebracht. Das ist wunderbar. Besonders unter den Haenden von Sumitra, die eine einzigartige Masseurin ist (leider spricht sie keine Englisch), ist es leicht, sich in Hingabe zu ueben und alle Widerstaende loszulassen, die mit zu den Urachen jeder Verspannung gehoeren. Diese Erfahrung folgte also der gestrigen, wo meine Hingabe dem Fegen galt.

Was mir uebrigens auch heute wieder einfiel war mein Respekt dem Fahrer gegenueber, der mich vom Flughafen abgeholt hatte. Er hat sich dem Verkehr, der hier echt nicht ohne ist, hingegeben und ich fuehlte mich in jeder Minute der mehrstuendigen Fahrt durch das Chaos (aus deutschen Augen) der Strassen in sicheren Haenden.

Danke an dieser Stelle also einmal besonders dem Fahrer und der Masseurin vom Ashram.

20. Februar

Vor Jahren bereits habe ich fuer mich selbst den Spruch "Neapel sehen und sterben" umgeschrieben in "Das Taj Mahal sehen und sterben" - ich lebe noch, doch habe ich am Sonntag dieses wunderbare Symbol unsterblicher Liebe gesehen. Es war fast umwerfend :-)

All die Beschreibungen von Eindruecken sind wahrlich nicht uebertrieben. Es war zwar sehr voll, aber unter der Groesse dieses Gebaeudes verschwinden die Menschen wie Ameisen.

Nachdem ich die Tage zuvor in so viel Ruhe hier verbracht hatte, war dieser Tag der Unternehmung so aufregend, ein richtige Abenteuer! Wie ein kleines Kind erlebte ich mich schon auf der Fahrt - mit offenem Mund des Staunens bereits ging es wieder durch den so chaotischen Verkehr Indiens - wirklich eine grossartige Leistung wieder unseres Fahrers!

Das ist, was ich dieses mal als Haupterfahrung habe: erlebst Du weniger, wirkt das, was Du erlebst viel intensiver. Vergleichbar empfinde ich das auch mit dem Essen hier. Es ist zu vergleichen mit minimal music. Taeglich ist die Grundlage die gleiche, aber jeden Tag gibt es minimale Unterschiede, die fuer meinen Gaumen nun erfahrbar sind, da er wie gereinigt wurde. Bereits kleinste Aenderungen im gewuerzt sein sind etwas so besonderes. Was fuer ein Erlebnis fuer einen deutschen Gaumen!

Die Reset Taste zu druecken ist sowieso das Wesentlichste auf einer Reise! Ich moechte den Satz umschreiben> Reisen bildet. Eher: Reisen laedt Dich ein, Deine Bildung zurechtzuruecken, zu korrigieren und auch ein Stueck weit fallen zu lassen, damit Du nicht mit dem Kopf sondern mit dem Herz erlebst. Wer dazu in der Lage ist, sich auf Null zu setzen, sich neu ausloten zu lassen, neu zu eichen, der hat am meisten von einer Reise - egal wohin.

Lass Dein altes Wertesystem zu Hause, nimm nicht Deine Beursteilungsmasstaebe vom Heimatort mit. Hast Du die dabei, fuehrt das unweigerlich zu Be- und auch Verurteilungen, dessen, was Du erlebst. Setzt Du Deine Urteilsbrille ab, bist Du frei, wirklich zu erfahren - das was Du erlebst und Dich selbst in ihm. Du brauchst dann kein Wissen aus dem Reisefuehrer sondern erspuerst intuitiv den Flow des Ortes.

Mit der Brille Deiner eigenen Sozialisierung, Kulturalisierung, Konditionierung fuehrt ein Aufenthalt in der Fremde unweigerlich zu Unzufriedenheit. Du beginnst Dich bei Deinen Mitmenschen ueber dies und das zu beschweren, weil es nicht so ist, wie Du es von zu Hause gewohnt bist. So bin ich gluecklich, dass ich im Laufe meines Lebens nicht zu starke Masstaebe entwickelt habe und die, die ich hatte bereits loslassen konnte - so konnte ich z.B. auch eben vollkommen akzeptieren, dass vor 4 Zeilen der Strom weg war und ich alles verloren glaubte. Mit Geduld und ein paar Runden vor dem Schulbuero, in dem ich sitze, kam nach 40 Minuten der Strom wieder und als ich den PC wieder hochfuhr war in meinem Emailprogamm auch noch fast alles wieder abrufbar.

So kommen heute mal wieder meine besten Wuensche an den Leser aus tiefer Gelassenheit und Dankbarkeit.

wenn mal was nicht so ist, wie Du es haben moechtest

Meine Ausfuehrungen ueber das Beschweren, weil man es anders gewoehnt ist, ging mir selbst noch eine Weile durch den Kopf. Mir fiel in, dass am Flughafen, als ich abflog, mir ein Poster ins Auge fiel mit einer Telefonnummer des Beschwerdemanagement, wenn man sich beschweren moechte, weil ein Flug gesstrichen wurde, oder aehnliches. Da dachte ich schon: das ist wirklich etwas, mit dem ich so gar nichts anfangen kann. Schon frueher wunderte ich mich immer sehr, wenn Menschen sich beschwerten: ach diese dumme Ampel, warum ist die jetzt rot geworden - da dachte ich, ja und, wird sie jetzt dadurch gruen, dass man dies sagt. Eher wird sie doch gefuelt noch roter, weil man sich so ausgiebig aufregt darueber. Ja, da erinner ich mich, dass ich damals schon recht gelassen in diesen Dinge war und wie dankbar bin ich fuer diesen Teil meiner Persoenlichkeit. Inzwischen empfinde ich es als Energieverschwendung, jemandem zuzuhoeren, der wenig anderes zu berichten hat, als was ihm alles nicht passt und an was er negativ zurueckdenkt. Waehrenddessen verpasst man wirklich den Zauer des Moments und wird blind fuer alles, was gerade JETZT schoenes zu erleben waere. Vor ein paar Tagen habe ich mich entschieden: Ich stehe nicht mehr zur Verfuegung, wenn mir jemand seine Klagen, Beschwerden und negative Meinungen zu etwas oder ueber jemanden mitteilen moechte. Die Zeit ist mir einfach zu schade. Wenn jedoch jemand tiefer in sich blickt und sich selbst fragt: welcher Anteil meiner Persoenlichkeit verursacht, dass ich da jetzt so negativ draufkomme - und er ist bereit, sich zu erforschen, dann schenke ich sehr gern meine Aufmerksamkeit und hoere zu, um Raum zu geben fuer ein sich selbst besser Kennenlernen. Denn das - so merke ich hier minuetlich - ist die Essenz des Lebens: Lerne Dich in jedem Augenblick durch jeden Augenblick noch ein Stueck besser kennen und Du kommt immer naeher an die Urfreude in Dir, die da ist, wie die Sonne, auch wenn sie gerade auf der anderen Seite der Erde ist. Jetzt ist sie gerade im Nachmittagsstatus ueber Vrindavan und waermt uns wunderbar!
Namaste

Uebringens...

...wohnen hier im Haus 6 der ueber 100 Kinder und 2 der ueber 10 Angestellten

...waechst die kleine Apra (Tochter von Ramona und Balendu - nun knapp ueber ein Jahr alt) mit Deutsch, Hindi und Englisch auf und Ramona erzaehlt, dass sie es immer noch als sehr ungewoehnlich erachtet, dass Apra unter Kuehen und Affen aufwaechst. Ramona selbst ist seit ueber 5 Jahren hier.

...gab es in den 3 Wochen, die ich nun hier bin, eine handvollmal monsunartigen Regen, was offensichtlich sehr ungewoehnlich ist fuer diese Zeit des Jahres.

...sind wir inzwischen 4 weibliche Gaeste aus Europa und Australien.

...sind meine zwei Wochen Ayurveda inzwischen vorbei und der Meditationskurs hat begonnen. Zweimal taeglich meditieren wir wir in dem dunklen Raum, der Hoehle genannt wird, in dem Balendu ein paar Jahre schweigend verbracht hat.

...waren die Megaphon- und Feuerwerksveranstaltungen des nachts nur in der ersten Woche so intensiv - inzwischen ist es wesentlich ruhiger.

...regelt sich der Verkehr hier, indem einfach jeder, dem jemand oder etwas im Weg ist, kraeftig und lange hupt. Daher ist Apras Kinderwort fuer Auto: beep-beep. Hunde und Kuehe lassen sich davon jedcoh wenig beeindrucken und sorgen so selbst auf Bundesstrassen fuer Staus.

Vorgestern (heute ist Montag) hat Ramona uns 2 Gaeste, die wir es da noch waren, mit auf eine Einweihungsparty eines neuen Appartmenthauses genommen, wo verschiedene Speisen und Taenze dargeboten worden. Ein Erlebnis der besonderen Art.
Gestern waren wir zu Dritt, die wir dann waren, vormittags am Fluss - es ist uebrigens nicht der Yamuna, sondern die Yamuna (wenngleich in Hindi Sonne und Mond beide maennlich sind).
Und am Nachmittag waren wir ausgiebig in der down-tonw-Gegend, die Loi-Basar genannt wird. Ich koennte mich baden in diesen wunderbaren Stoffen, diese kraeftig farbenfrohen indischen Farben, die von vielen Frauen wunderschoen getragen werden. Sie sind das, was einen in eine indische Maerchenwelt versetzt - zusaetzlich zu den oberen Teilen der Gebaeude, an denen noch historischer Schmuck und Stil zu erkennen ist, so dass man phantasieren koennte, man sei in 1001 Nacht. Dafuer muss man den Staub und Trubel im unteren Bereich einfach einmal ausschalten.
Bisher unuebertroffen friedvoll habe ich nun die Stadt heute morgen erlebt, als Purnendu uns alle Vier mit auf seinen allmorgentlichen Rundgang um die gesamte Innenstadt mitgenommen hat. Um 5 Uhr sind wir bei Vollmond gestartet und gegen 7 waren wir bei voller Sonne wieder in unserem kleinen heimischen Paradies, das es fuer mich immer wieder ist, wenn ich fuer einige Zeit den Ashram verlassen habe.

Alles ist also weiterhin spannend, erfahrungsreich und dadurch so intensiv von mir erfahren, da zwischen drin immer wieder lange Phasen der Ruhe und inneren Einkehr sind. Sich selbst kennen zu lernen ist inzwischen wirklich mein liebstesHobby geworden.... So sende ich heut mal einen Gruss mit einem kleinen Stubbs: tu dir selbst mal wieder was richtig Gutes, damit Du Dich selbt mal wieder so richtig freudvoll erleben kannst!

Indisches

Die letzten Tage waren hauptsaechlich gepraegt von viel Ruhe und ab und an etwas Gartenarbeit, die ich ebenso als Meditation empfinde, wie die "echten" Meditationen morgens und abends. Da ich zu Hause keinen Garten habe, geniesse ich es sehr - ich reche Blaetter auf dem Rasen zusammen und denke dabei auch immer wieder an Beppo Strassenfeger. Einmal kam dann einer der Angestellten und nahm mir nach einer Weile den Rechen ab und sagte "rest" und deutete auf den Boden. Also haben wir uns zusammen auf den Rasen in den Schatten gesetzt. Unterhaltung ist nicht moeglich, da die Mitarbeiter hier nur ein paar wenige Worte Englisch sprechen, aber beisammen SEIN ist schon einfach schoen. Da kam mir wieder dier Satz in den Sinn "we are not human doings, we are human beings".
Im Luafe der Zeit kamen dann auch andere dazu und auch ein paar der Jungs, die hier wohnen. Die lernen in der Schule alle schon Englisch und konnten dann das ein oder andere uebersetzen. Ich habe ihnen gezeigt, wie man "Schubkarre" spielt und dann fanden wir alle noch andere Ideen, miteinander irgendetwas zu spielen. Da die Maenner hier auch ohne Hemmungen ihre weibliche Seite ausleben, hat der eine mir dann einen Zopf geflochten. Maenner hier halten ja auch auf der Strasse einfach mal Haende aus Verbundenheit. Und als ich das gestern abend bei zweien hier im Ashram gesehen habe, spuerte ich, dass ich auch Lust darauf haette und vor dem Abendessen sind wir drei weiblichen Gaeste dann Hand in Hand einige Runden durch den Garten gegangen und haben es genossen!

Einmal war mir ein roetliches Muster in der Handinnenflaeche einer der Maenner aufgefallen und ich deutete darauf. Am naechsten Tag war ich dann selbst dran - er hatte eine "Tube" Henna, mit der er mir ein Muster auf Hand und Arm zeichnete. Die beobachtete ein anderer, der das dann am naechsten Tag bei mir auf der anderen Hand machen wollte. Und hinein mischten sich auch einige Frauen, die dann auch uebernahmen - auch Ramona hat sich mit einer schoenen Blume in meiner rechten Hand erfolgreich versucht. Ein Foto davon gibt es - vielleicht kann ich es ja dann nach meiner Heimreise irgendwo posten.

Tracy, Gast aus Australien, hat sich einen Sari gekauft und vorhin durften wir Zeuge sein, wie sie ihn von einer der Frauen hier (ach, die sind ALLE sooo huebsch und tragen alle auch bei der Arbeit ihre farbenffrohen Saris) angezogen bekam - eine Kunst fuer sich, die mich daran erinnerte, wie ich 1999 mit viel Geduld einst einen Kimono in Japan angezogen bekam.


Nach den kleinen Monsunanfaellen ist es jeden Tag merklich waermer geworden - so richtig Sommersonne hier! Und der Mond gibt sich auch alle Muehe indisch auszusehen - er stehr hier fuer deutsche Verhaeltnisse fast kopfueber! Der Orion steht hier auch gut sichtbar und - kann das sein? - den grossen Wagen habe ich auch schon erspaeht in anderer "Haltung" als bei uns.

Gestern habe ich einem der Jungs bei seinen Hausaufgaben zugsehen, wie er einen Satz in Sanskrit 10 mal schrieb. Was fuer schoene Formen, diese Buchstaben. In Schrift und Kleidung der Frauen haben die Inder wahrlich einen Sinn fuer Schoenheit.

So viel fuer heute. Noch 10 Tage und dann geht es zurueck. Und alles ist gut. Die inneren Erkenntnisse, die hier zwanglaeufig vor sich gehen, sind sehr heilsam und staerkend. Ich denke immer wieder "when in Rome, do as the Romans do" - und habe fuer mich aber auch erkannt, dass es keinen Sinn macht, sich selbst zu verleugnen. Denn "wer ist denn in Rom" - das bin doch trotzdem ich. Und so ist ein Aufenthalt mit Respekt fuer die andere Kultur und GLEICHZEITIG aber auch weiterhin fuer SICH SELBST moder ausgedrueckt DIE "win-win-Moeglichkeit" ueberhaupt!

Bereits ein paar mal hier erinnerte ich mich an eine wunderbare Geschichte, die an dieser Stelle auch sehr gut passt. Sie ist hier zu finden:http://www.gemeinschaftsbildung.com/rabbi.html
Heute also die HERZlichsten Gruesse mit der liebevollen Erinnerung daran, den Respekt sich selbst gegenueber nie zu vergessen!

Nachtrag zu "Indisches"

Inzwischen sind die "alten" Gaeste abgereist und ein neuer Gast ist angekommen. Mit den beiden "alten" habe ich noch ein nettes Erlebnis gehabt. Hier direkt auf der anderen Strassenseite ist eine kleine Anlage, von wo jeden Abend Percussion und Chanten herueberdringt und ich hatte mir schon sagen lassen, dass es eine kleine Gruppe von Menschen ist, die eine taegliche Zeremonie abhalten. So sind wir zu dritt einmal hinueber gegangen und haben dort eine Mitarbeiterin von hier angetroffen, die dort immer Musik macht, mit anderen zusammen. Sie gab und sofort mit Hife ihres Sohnes, der etwas Englisch spricht eine kleine Fuehrung ueber die Anlage mit kleinem Krankenhaus und mehreren Altaeren. Bevo die Zeremonier startete, zeigte sie uns die Intrumente und wir durften die Zimbeln auch mal betaetigen. Dann holte sie ein kleine Harmonium heraus, das man mit einer Hand spielt, waehrend man mit der anderen Hand einen kleinen Balg betaetigt. Ich hatte so etwas schon einmal 2000 bei einer Zeremonie in Australien gesehen. Letztlich ist es wie eine kleine Orgel (und das kenne ich ja). Sie schaute mich dann an und ich fuehlte mich aufgefordert, auszuprobieren. Sie hatte eine schoene indische Melodie gespielt, wogegen mein kleines Bachpraeludium eher abfiel. Sie begann dann zu singen und ich habe einfach dazu improvisiert - das hat dann super Spass gemacht. Und dann durften wir an der Zeremonie teilnehmen, die einen fast in Trance versetzt hat - es war richtig schoen!

Noch was, was man wissen sollte, wenn man nach Indien kommt. Nein - ist wie bei uns ein Kopfschuetteln. Ja - jedoch, ist ein Hinundherschwenken des Kopfes, das wir eher dazu nutzen, Unsicherheit auszudruecken. Es ist witzig - ich weiss das jetzt zwar, aber immer, wenn ich einer Frage stelle, und ich bekomme diese Reaktion, frage ich nochmal, weil ich so konditioniert bin auf ein "da bin ich mir nicht so sicher"... Es ist einfach jeden Tag wieder spannend, wie ich mich hier im Kontakt mit dem Fremden immer noch weiter kennen lerne und immer wieder staune ueber all meine bisher unbemerkten Konditioniertheiten.

Natuerliches

Hier erlebe ich die Jungs, die hier wohnen in ihrem Alltag mit und denke an einen Alltag eines Kindes in Deutschland, das mir von hier aus wie ein stressiges Erwachsenenleben vorkommt. Die Jungs machen irgendwann am Nachmittag ungefragt ihre Hausaufgaben und ansonsten fuehren sie ein vollkommen freies Leben. Keine Durchstrukturiertheit und Stress von einem Musikunterricht zum naechsten Sporttraining u.s.w. Sie sind prima im Nichtstun, langweilen sich dabei ueberhaupt nicht, sondern kommen dann mit immer neuen Ideen auf. Sie alle kuemmern sich liebend gern ruehrend um Apra, tragen sie herum und zeigen ihr die Natur. Sie spielen fast taeglich auf der Einfahrt Cricket und sind alle aus deutschen Augen schon hervorragende Werfer und Faenger. Sie helfen etwas im Haushalt mit und schenken sich gegenseitig liebevolle Aufmerksamkeit. Mein Eindruck ist jedoch, dass sie ein bisschen mehr muetterliche Liebe vertragen koennten und so fand ich mich inzwischen ab und an selbst dabei, diese ihnen zu geben und ich habe das gefuehl, sie saugen sie foermlich ein und mir bereitet das grosse Freude. Einmal habe ich sogar mit zweien gerauft - wusste gar nicht, dass mir das Spass machen koennte.

Wenn keine "echten" Aufgaben anstehen und man Zeit fuer alles oder nichts hat, wird man kreativ. Ich mich haeufig gefragte, wo denn meine Kreativitaet abgeblieben ist. Ich erinner mich an den Kunstunterricht in Deutschland, wie der Lehrer genau beschrieb, was zu malen (oder so) ist - und nachher sahen eigentlich alle Bilder fast gleich aus. Als ich dann mit 16 als Austauschschuelerin nach USA kam, hiess es da im Kunstunterricht: Jetzt machen wir 2 Monate Linsoschnitt. Ich ging zur Lehrerin und fragte sie, was ich denn damit machen sollte. Und sie sagte: was Du willst, was Dir einfaellt. Mir fiel lange nichts ein und als das Jahr bald zu Ende ging und ich bei weiteren Techniken langsam neue Phantasie entwickelt hatte, kam ich wieder nach Deutschland und alles ging duchr das Vorschreiben wieder verloren. Seit dem Kunstunterricht dann habe ich mich eigentlich immer gedruekt vor Kreativitaet, weil ich einfach in mir keine Phantasie dafuer mehr fand. Nun sitze ich oft lange im Gras und ploetzlich fand ich mich dabei, wie ich grosse Blaetter nahm und sie kunstvoll bestueckte mit herabgefallenen Blueten. Was dabei herauskam war wunderbar. Setze einen Menschen lang genug ohne Aufgabe in die Natur und er wird kreativ! Ich glaube, man nennt das "Landart" - vielleicht mach ich das mal wieder - tat gut!

So lange Kinder noch unverheiratet sind, wohnen sie zu Hause - das ist hier ganz natuerlich. Da fiel mir ein, wie wir sofort jemanden schief anblicken, wenn er / sie ueber 20 ist und immer noch zu Hause wohnt. Hier wohnen sie noch mit 30 zu hause und es ist NATUERLICH. Das fuehrt aber dazu, dass man hier noch miteinander klarkommt, hier wird einem nirgendwo vorgelebt, dass eine Familie sich zerstreitet oder man genug hat von seinen "Alten". Wenn ein Sohn heiratet, dann zieht die Frau bei seiner Familie ein. Keiner warnt - oh, das geht schief mit der Schwiegermutter - und das tut es dann nicht - im Gegenteil - es ist wunderbar. Und in Deutschland versuchen jetzt Menschen krampfhaft neue keunstliche Familienstrukturen zu schaffen, Gemeinschaften verschiedener Generationen und dafuer verwenden sie Systeme, Methoden und trainieren dies und dann geht es auch schief - es ist eben nicht NATUERLICH gewachsen. Erzwingen kann man Gemeinschaft nicht, das ist mir jetzt ganz klar geworden, sie kann nur wachsen, wenn man sie laesst, sich ihr vertrauensvoll hingibt. Aber wo soll dieses Vertrauen herkommen, wenn es bereits sein Generationen vergessen ist. Vielleicht koennen wir hier von den (aus unserer Sicht zirueckgebliebenen) Indern noch etwas lernen. Ich bin jedenfalls bereit dafuer!!!

Namaste an alle Leser - ein Gruss aus meinem Herzen, das sich hier spuerbar mehr und mehr mit Liebe fuer Alles und Alle fuellt.

5 Wochen Ashram

Nun bin ich wieder in Deutschland gelandet - 35°C kälter ist es hier als in Vrindavan und es schneit. (Diesmal ist mein Gepäck sofort da gewesen). Aber die Bräune in meinem Gesicht und auf den Armen hat auch etwas mit von der Wärme gespeichert.
Fünf Wochen sind wahrlich eine lange Zeit - genug, um "gezähmt" zu werden. In den letzten Tagen musste ich immer wieder an den Fuchs beim kleinen Prinzen denken, der ihm erklärte, wie man ihn zähmen kann.
Als ich im Ashram ankam, war ich sehr zurückhaltend - meist aus Unsicherheit der Gewohnheiten gegenüber, die ich so gar nicht kannte, eben keinem zu Nahe treten zu wollen, oder zu verletzen, weil ich gewisse Verhaltensregeln nicht kenne. Eine gewisse Schüchternheit habe ich aber bis zum letzten Moment nicht ganz ablegen können - dies war letztlich eine Selbsterkenntnis, zu der ich durch die Atmospäre im Ashram kommen konnte. Und vielleicht war es gerade jene Schüchternheit, die eine langsame, sanfte Annäherung vergleichbar mit einer Zähmung erlaubte. Besonders im Umgang mit den sechs Jungs, zwischen 5 und 15 Jahren alt, habe ich diese Veränderung erlebt und ich spüre jetzt schon, dass ich sie vermissen werde - überhaupt das Miteinander, das in einem Ashram als Lebensgemeinschaft stattfindet.

Als "klassischer" Singel des 21. Jahrhunderts lebe ich schon lange allein und so waren nun 5 Wochen im ständigen Beisammensein mit so vielen anfangs noch Fremden, dann immer vertrauter Werdenden doch eine lange Zeit und ich bereite mich auf eine Art Entzug vor. Die ein oder andere Träne wird mir in den nächsten Tagen noch heimlich entweichen. Denn ich bin weicher geworden, im Jaisiyaram aufgeweicht worden. Auf den Yogaanzügen der Schüler steht der schöne Satz: "I found my heart in Vrindavan" - das passt.

Eben höre ich Hufe eine Pferdes von draußen hereinschallen und da wird mir erst die Ruhe bewusst, die ich hier wieder habe, kein Hupen und keine Megaphon-Zeremonien (die mir jedoch nie eine schlaflose Nacht verursachten).

Von einer Transformation, die ich noch in meiner letzten Wochen durchlaufen durfte, mag ich gern berichten. Ayurvedisches Essen samt Massagen bringt Reinigung zustande, die Emotionen zutage fördern kann, die lange sehr tief verborgen sein können. Bei mir war das eine Traurigkeit, von der ich gar nicht ahnte, dass sie noch in mir wohnte. Sie war profund und sehr erfüllend und suchte sich selbst im Außen noch Spiegel, um mich sie richtig fühlen zu lassen. Und entgegen alter konditionierter Gewohnheit, sie zu verdrängen, habe ich mich in sie hineinfallen lassen. Dabei erinnerte ich mich an eine schöne Geschichte, die mir bei meinem eigenen kleinen therapeutischen Prozess in den letzten Tagen auch Hilfe war (zu finden hier: http://www.abenteuer-jetzt.de/traurigkeit.htm). Ich bin nicht vor ihr davon gelaufen, habe sie nicht unterdrückt oder verwünscht oder mir etwas drüber geschminkt. Ich habe sie mich erweichen lassen, mich ihr ganz hingegeben. Und dabei habe ich eine ganz wunderbare Erfahrung gemacht. Wie durch einen Tunnel, tiefschwarz, ging der Weg, schwer fühlte sich alles an. Und ich habe es alles zugelassen. Dadurch zeigte sich bald ein fernes Ende des Tunnels, ein kleines Licht ganz weit hinten (ich spreche hier von innerer Erfahrung und entsprechenden Bilden, die in solchen Prozessen bei geschlossenen Augen in einem entstehen können). Und anstatt diesem Licht entgegen zu rennen, habe ich mich weiter diesem dunklen Tunnel hingegeben und fühlte mich dann wie durch ihn getragen und es wurde leicht und weich. Es war, als ob die Traurigkeit sich bei mir bedankt, dass ich sie mich endlich mal auf diese Weise erfahren lasse. Und noch im Tunnel, als das Licht schon größer wurde, erfüllte mich ein tiefer innerer Frieden und die Gewissheit, dass die Traurigkeit letzlich gertagen wird von einer Urfreude, die keinen Gegensatz kennt, die eigentlich eines anderen Namens bedurfte, eben die Ganzheit eines tragenden Urgefühls, das (wie es das Yin-Yang-Zeichen so schön symbolisiert) beides in sich trägt, Freude und Traurigkeit. Und mein Verständnis wurde noch profunder, dass eine große Fröhlichkeit ganz und gar erfahren werden kann nur dann, wenn auch die Traurigkeit ganz durchgespürt wird. Es war eine unsagbar heilsame Erfahrung! Traurigkeit schmerzt nicht, wenn man sie durch sich fließen lässt. Was den Schmerz erzeugt, ist der Widerstand, den man gegen Traurigkeit aufzubauen tendiert.

Die Tiefenwirkung des Aufenthaltes in der Großfamilie Goswami wird noch weiter gehen, das spüre ich jetzt schon. Und daher habe ich mich entschieden, weitere Erkenntnisse, die vielleicht von allgemeinerem Interesse sein könnten, auf meiner eigenen Seite zu posten (http://www.abenteuer-jetzt.de/indien.htm).

Mir bleibt wirklich JEDEM EINZELNEN im Jaisiyaram zu danken, denn jeder, mit dem ich dort in irgendeiner Weise in Kontakt trat, hat in mir etwas bewirkt, dass zu einer kraftvollen Verwandlung beigetragen hat, jeder auf seine ganz eigene individuelle Art. DANKE AUS GANZEM HERZEN DEM GESAMTEN TEAM!!!

In tiefer Verbundenheit
Anja R.

NACHTRAG

Eine knappe Woche nach Heimkehr komme ich langsam ganz wieder hier an. Fünf Wochen in so einer anderen Welt - und das in fast jeder Hinsicht - - die gehen doch nicht so schnell an einem vorüber.
Ich weiss, wie viel Dankbarkeit ich gespürt habe, als ich nach den ersten Tagen in Indien an das ständig und immer verfügbare warme saubere Wasser aus dem Hahn, der Dusche, dachte. Nun zurück, stelle ich mich wie selbstverständlich wieder drunter und nur kurze lichte Momente blitzen mit dieser Dankbarkeit auf. Das möchte ich mir doch etwas dauerhafter bewusst machen. Ebenso wie die Tatsache, dass ich hier ohne Sorge, dass der Strom gleich weg ist, in Ruhe diese Zeilen schreiben kann und auch nachher nochmal nachsehen kann, ob irgendwelche Tippfehler dabei sind. Das konnte ich dort nicht und wenn ich nun meine Zeilen der letzten fünf Wochen lese fallen mir all die witzigen Worte mit ihren kleinen Fehlern auf und ich denke an das Getriebensein in der Hoffnung, der PC bleibt so lange an, bis ich alle meine Gedanken an ihn weiter gegeben habe. Mit dem warmen Wasser sparsam umzugehen, führte jedoch auch dazu, dass ich mir beim Duschen, wenn ich den Hahn dann zwischendurch zugedreht habe, richtig bewusst Zeit genommen habe zum Einseifen, was ich wiederum hier doch recht automatisch und unbewusst tue. So gedenke ich, das zwischenzeitliche Abdrehen auch hier zu kultivieren, um z.B. einfach mal die Körperwahrnehmung etwas zu steigern.

Da denke ich an ein Gespräch mit einer der anderen "Gästinnen" (schade, dass wir hier im Deutschen keine offizielle Version von haben) hatte - bezüglich Körperwahrnehmung und Sinne -, die gerade ein Buch las mit dem Vorschlag, doch mal morgens mit verbundenen Augen aus dem Bett in den Tag zu starten und zu prüfen, wie gut man eigentlich seine Wohnung kennt, um zu erfahren, wie man einige Handgriffe ziemlich gut automatisiert hat und bei anderen Dingen nach und nach Hörsinn und Tastsinn schärft, wenn die Augen mal nicht aushelfen. Ich erwähnte dann auch meine Idee, sich doch mal die Zähne mit der anderen Hand zu putzen (ist gutes Training für beide Gehirnhälften). Bisher habe ich das noch nicht umgesetzt, da ich noch so konzentriert war auf den Trennungsschmerz von dier liebevollen Gemeinschaft im Jaisiyaram. Nach mehreren herzlichen Willkommen verschiedener Menschen hier zu Hause, überwinde ich jedoch diesen Schmerz nun langsam und all die schönen Erinnerungen an die fünf Wochen drängen sich kraftvoll in den Vordergrund, als ob sie mir zurufen wollten: das ist es, worauf Du zurückschauen darfst - auf die Freude über diese Zeit!

Morgens steige ich hier in mein Auto und bemerke, wie viel ruhiger ich beim Fahren bin, da der Verkehr hier so viel stärker und verlässlicher geregelt ist, ich auf der anderen Seite auch an die Gelassenheit von Pankaj, dem Fahrer, denke, der in vollkommener Ruhe seinen Weg zwischen PKWs, LKWs, Wägen gezogen von Eseln, Pferden oder Kamelen, Rikshas, Tuktuks (Motorrikshas), Traktoren, Hunden, Kühen und Fahrradfahrern (und bei Dunkelheit viele ohne Licht und schwer zu sehen) gefahren ist. Mit außergewöhnlicher Konzentration ließ er sich auf die Langsamkeit ein, die dort von Nöten ist, um alle und jeden am Leben zu lassen. Zwar hupt jeder ständig, um sich bemerkbar zu machen, aber letzlich achtet doch jeder nur auf sich und so ist ein Überholvorgang - auf welcher Seite auch immer, innerhalb einer zweispurigen Straße, die jedoch vierspurig genutzt wird - ein richtig kompliziertes Unterfangen. Daran zurückdenkend sitze ich nun voller Ruhe ein meinem Auto und werde oft überholt, weil die Deutschen einfach keine Zeit für Gemächlichkeit haben, bzw. sie sich nicht nehmen. (Das lässt mich an den wunderbaren Buchtitel denken: Die Entdeckung der Langsamkeit - ja, die habe ich in Indien entdeckt und zu schätzen gelernt).

Ich erinner mich noch, wie ich zu Anfang meines Aufenthalts sehr verwundert war, wie gemächlich und mit vielen Pausen jeder seiner Aufgabe nachgeht. (Später Verstand ich, dass es auch das Klima ist, das einfach eine längere Siesta aufdrängt und dass es ja nicht nur eine Arbeits- sondern auch eine Lebensgemeinschaft ist). Mir fiel der viel gelobte Fleiss der Deutschen ein und ich dachte, wie viel schneller und anscheinend effektiver hier Dinge erledigt werden. Jedoch bedingt alles alles. Hier schuftet man, um schnell viel Geld zu verdienen, das Konto füllt sich und viele habe gar keine Gelegenheit, das Geld überhaupt auszugeben, andere brauchen es, um all die viele Konsumgüter um sich zu scharen, die grundätzlich zum Leben gar nicht notwendig sind. Wieviel Kram habe ich hier, den ich eigentlich gar nicht brauche. Hat man dies alles nicht, braucht man auch kein Geld, es zu pflegen, zu erneuern, upzudaten. Dann hätte man aber auch mehr Freizeit und die meisten westlich Zivilisierten kämen dann in große Not. Der Materialismus und die Notwendigkeit für ihn stundenlang zu schuften entsteht letzlich aus der Unfähigkeit mit sich und freier Zeit etwas anzufangen. Wie viele haben Angst vor wirklich freier Zeit - irgendetwas muss immer getan werden können. So begann ich langsam zu begreifen, dass das kleine "Uhrwerk Jaisiyaram" wunderbar funktioniert, ohne dass jeder "fleißig schuftet", sondern man in Freude und Gelassenheit in Ruhe den nötigen Aufgaben nachgeht: Ingredienzen für die Mahlzeiten gemeinsam im Garten bearbeiten und dabei die Gemeinschaft genießen, zu den schattigen Tageszeiten den Garten pflegen und sonst gemütlich mit den anderen darin ausruhen und einfach beieinander sein, einfach mit seiner Anwesenheit der Großmutter eine Freude bereiten oder gemeinsam Spaß haben, die Kleinste durch die Gegend zu tragen und sich an ihrer steten Begeisterung für Neues zu erfreuen, zwischndurch sich mal gegenseitig schöne Hennamuster auf die Hände zeichnen und bei all dem jeden so sein lassen, wie er eben ist, in dem Bewusstsein, dass alle ihren Teil zum Ganzen beitragen. So braucht man nicht zu schuften, weil man keinen Bedarf an Gütern hat, die letztlich nicht lebensnotwendig sind (wie z.B. ein Haufen Möbel, die ja doch nur im Weg rumstehen), sondern hat Muße, sich mit sich, an sich und an den anderen zu erfahren, einfach im Beisammensein.

Das lässt mich an die schöne kleine Geschichte denken von den Mäusen, die sich im Herbst auf den nahenden Winter vorbereiten. Alle sammeln emsig Vorrat, nur Eine ist faul und lässt sich nicht erweichen, mitzuhelfen und alle anderen werden langsam sauer ob dieses Faulpelzes. Dann kommt der Winter, der sehr lang ist in der kleinen Höhle und nach einiger Zeit wird es den Mäusen sehr langweilig. Da plötzlich legt der kleine "Faulpelz" los, wunderbare Geschichten zu erzählen und die Zeit rast und plötzlich ist der Winter vorbei und alle haben verstanden, wie wichtig dieser kleine Kollege für die Gemeinschaft ist.

Oh ja, um der Gemeinschaft Willen und auch der Sonne und Wärme (hier ist es grau, behangen, kalt und ungemütlich) und der wunderbaren Oase, in der der Ashram liegt, würde ich am liebsten gleich wieder in den Flieger steigen... wenn da nicht die Affen wären. Wie viel sicherer und freier bewege ich mich hier durch den Ort und die Natur. Dort konnte ich mich nie ganz entspannen, weil ich diese Tiere einfach nicht einzuschätzen weiss. Vorhin ist mir hier eine Katze entgegen gekommen (die gibt es dort auch, da sie aber nicht domestiziert sind, leben sie natürlich nachtaktiv und tagsüber bekommt man sie nicht zu sehen) und ich dachte sofort: ja, sie könnte mich mit ihren Krallen schon auch verletzen, aber sie schaute mich angsterfüllt an und rannte sofort davon. Wenn ich es je mal wagte, einem Affen länger in die Augen zu schauen, merkte ich, dass sie eher noch näher kommen und so habe ich mir das ganz schnell abgewöhnt. Sie haben zwar keine Krallen, aber sehr spitze Zähne, die ich einmal deutlich zu sehen bekam, als mich einer anfauchte, dem ich freundlich zu begegnen versuchte. Die Jungs sind stets bemüht, den Garten von Affen frei zu halten, in dem sie sie mit Stöcken verjagen und Steine hinter ihnen her werfen. Das war mir nie so ganz geheuer, da ich ahne, dass Affen prima Nachahmer sind und vielleicht selbst eines Tages mit Steinen den Menschen nach werfen - und die haben kräftige Arme! Meine "Affenangst" hat jedoch auch einen individuellen traumatischen Hintergrund. In Bali wurde ich 1999 einmal von einem gebissen und die Wunde entzündete sich so, dass ich, als ich dort schließlich einen vertrauenswürdigen Arzt fand, von diesem gesagt bekam: gut, dass Sie hier sind, da sind Sie kurz an einer Blutvergiftung vorbeigeschrammt, die auch tödlich verlaufen kann. So ahne ich, dass ich dauerhaft aus diesem Grund nicht dort leben könnte. Sonst wäre die Versuchung doch recht groß, denn den letztlich nutzlosen Gütern hier könnte ich doch leicht entsagen.

Es gibt eine Theorie, dass man Dinge, die man etwa einen Monat lang gepflegt hat (Handlungen), langsam wie eine Routine in den Alltag integiert. So hoffte ich auch, die morgentlichen Yoga und Meditationsstunden hier automatisch weiter zu führen. Nun weiss ich aber, dass es einen Unterschied macht, wenn man eine neue Routine an einem anderen Ort, als zu Hause eintrainiert - das lässt sich nicht einfach mitnehmen. Vielleicht ist das, wie eine gute Speise, die im Ursprungsort so wunderbar schmeckt, dass man sie zu Hause nachkocht und dort mundet sie nicht halb so gut, weil einfach die Atmosphäre eine so ganz andere ist. Nun fand ich in mir jedoch auch einen recht kindlichen Widerstand aus der Trauer heraus, nicht mehr dort zu sein, der mich davon abhielt, hier zu integieren, was ich mir vorgenommen hatte. Heute morgen nun jedoch floss es wie automatisch ein, nachdem ich gestern wie eine Nachlandung von Geist und Seele erfuhr, nachdem mein Körper nun schon fünf Tage wieder hier war. Ich habe einige der Übungen, die ich von Yashendu und Ramona (die das Yoga leitet, wenn Yashendu verhindert ist) gelernt habe, einfach nach dem Aufstehen praktiziert und es ging mir richtig gut dabei - DANKE an Euch beide für diese Anregungen!!!
Nun scheint alles, was ich in Vrindavan erlebt habe, gesund in mir integriert zu sein und ich labe mich noch an den nun freudvollen Nachwirkungen. Wie wunderbar ist es, wenn man in vollem Bewusstsein all der Emotionen derer man fähig ist, Erfahrungen machen kann. DAS heisst für mich: LEBEN!!!

Von Herzen einen Gruß rund um den Globus an alle Mannschaftsmitglieder der Besatzung des Raumschiffs Erde, das wir hoffentlich in stets wachsendem Respekt und wachsender Liebe für einander und für dieses wunderbare Schiff, noch sehr sehr lange auf seinen Runden um die Sonne begleiten dürfen.

Anja Rohlf, Neubulach

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